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Echt jetzt, Püppi?

 

 

Au Mann, was für ein Tag. Mein Kopf dröhnt und fühlt sich schwammig an. Ich lasse mich auf den erstbesten freien Platz nieder. Obwohl ich es nicht mag, entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen, ist es im Moment echt total egal.

    Als der Bus anfährt, entspannt mich das gleichmäßige Brummen ein wenig. Den Kopf an das Fenster gelehnt, fallen meine Augen zu. Die Scheibe ist kalt. Das Vibrieren des Motors dringt bis in meine Knochen. 

​    Bald schon bremst der Fahrer für die nächste Haltestelle. Mit einem tiefen Seufzer öffnen sich die Türen des Busses, lassen Menschen wie Wundsekret auf die Straße fließen und nehmen Wartenden auf.

    Mein schläfriger Blick fällt auf eine Frau, die einige Reihen weiter hinten sitzt, in Fahrtrichtung, ihr Gesicht mir zugewandt. Etwas an ihr fesselt mich. Sie trägt eine dunkle Brille. Ihr Haar, ein kurzer Bob, glänzt sogar hier, im Bus, wie schwarzer Lack. Die Lippen sind kirschrot bemalt, ihre Kleidung mondän. So, als wäre sie auf dem Weg ins Theater oder zu einem anderen festlichen Anlass. Mit ihren langgliedrigen Fingern streicht sie eine Haarsträhne hinters Ohr. Jeder der fünf, bis auf den kleinen, beringt. An ihrem Arm baumeln dünne, silberfarbene Armreifen, deren sanftes Klirren bis zu mir durchdringt.

Eine wohlhabende Witwe, denke ich. Mitte fünfzig vielleicht? Hat sie etwa nachgeholfen, um an das Geld ihres Mannes zu kommen?

    ‚Schwachsinn, Püppi‘, tadle ich mich selbst! Wir leben nicht mehr im 18. Jahrhundert! Sie hat selbst Geld! Wer braucht einen Mann dazu? Vielleicht hat sie geerbt? Ah, Püppi, nein! Auch nicht geerbt! Sie hat es sich einfach verdient. Ja, genau! Sie könnte locker eine Schauspielerin sein – oder ein Model? Keine Ahnung, ob man damit heutzutage noch reich wird.

    Kann ja auch sein, dass sie Grips hat, Püppi! Auch wenn sie gut aussieht! Bedeutet ja nicht automatisch, dass sie dumm wie Brot ist, oder? Sind ja nicht genetisch gekoppelt, die beiden Dinge.

    Vielleicht ist sie eine Rechtsanwältin. Oder eine Ärztin? Nee. Für ne Ärztin ist sie zu gestylt. Bestenfalls eine Ärztin, auf dem Weg in die Oper.

    Ich frag mich ja immer wieder, ob sich vom Äußeren eines Menschen auf seinen Beruf schließen lässt. Mein liebster Zeitvertreib im Bus. Und ich glaube, ich bin gar nicht mal so schlecht darin. Ich wette, die meiste Zeit liege ich richtig mit meinen Vermutungen! Also ich tippe auf Anwältin. Ganz sicher.

    Der Fahrer drosselt die Geschwindigkeit.

    „Nächster Halt: Grillgasse“, tönt es metallisch aus den Boxen.

​    Die Frau greift nach ihrer Tasche und macht sich zum Aussteigen bereit. Sie dreht sich auf dem Sitz zur Seite und stützt sich, bevor sie aufsteht, auf zwei silberfarbene Krücken, die sie neben sich hervorgeholt hat. Als sie sich zum Ausgang müht, sehe ich, dass beide ihre Beine verkrüppelt sind.

    Ich schlucke schwer.    

    Also doch keine Rechtsanwältin.

​    Im nächsten Augenblick tadle ich mich schon wieder. Vehementer als zuvor.

    'Echt jetzt, Püppi? Und weshalb nicht, wenn ich fragen darf?'

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