Kirschblüte*
Er schnäuzt sich in sein Stofftaschentuch, faltet es einmal, zweimal und steckt es wieder in die Hosentasche. Alles ist ruhig, es ist niemand zu sehen. Es scheint, als sei er alleine, hier, im Hof dieses Hauses.
„Hallo?“, ruft er in die Stille hinein.
Der Text wurde zur Teilnahme an einem Schreibwettbewerb eingereicht. Er wird nach Ablauf der Sperrfrist veröffentlicht.
Vielleicht ist jemand im Schuppen? Oder hinterm Haus?
Eine Amsel landet auf der Wiese, hüpft unruhig weiter und verschwindet zwischen den Zweigen der Tanne.
Langsam schlurft er die Hausmauer entlang. Als er den Kopf hebt, um sich umzusehen, bleibt sein Blick beim Fendt in der Einfahrt hängen. Er weiß, dass es ein Fendt ist. Auch wenn der abgesplitterte Lack große Teile des Schriftzuges mit sich gerissen hat. So einen hat er auch immer haben wollen; einen alten, aus den Siebzigern. Der Hänger hinter dem Traktor ist mit Baumstämmen beladen. Schwer zu sagen, ob sie hergebracht wurden, oder auf ihren Abtransport warten.
Neben ihm räkelt sich eine Katze auf der Holzbank, streckt ihre Glieder von sich, bevor sie sich wieder genüsslich und zufrieden zusammenrollt.
Erst jetzt bemerkt er, dass ihm kalt wird. Er trägt nur die blaue Weste über dem Hemd. Seine Füße stecken nackt in Sandalen, um das großflächige Ekzem atmen zu lassen.
Immer wieder verlagert er sein Gewicht auf den rechten Fuß; den besseren. Da sich noch immer nichts regt, beschließt er, wieder nach Hause zu gehen und hinkt zum Gartentürchen. Als er es öffnet, setzt sich der gesamte, lange Holzzaun in Bewegung und kippt ein wenig nach innen. Mit Bedacht schließt er das Türchen hinter sich und beugt sich über den Zaun, um den Riegel innwendig vorzuschieben. Es geht ihm leicht von der Hand, beinahe so, als hätte er das schon hunderte Male gemacht.
Dann schleppt er sich Richtung Straße. Die Kirche markiert das Zentrum des Dorfes. Ihr Turm ragt weit über die Hausdächer hinaus und weist ihm die Richtung. Erst letztes Jahr haben sie die Kupferschindeln erneuert. Eine Pracht, wie er findet. Jetzt blitzen und glänzen sie weithin sichtbar rotgolden in der Sonne.
Er erschrickt, als ein Auto hupend an ihm vorbeifährt. Kennt er den Fahrer? Er kann es nicht sagen, der Moment war zu kurz, der Blick zu flüchtig. Trotzdem hebt er grüßend die Hand und lächelt. Das Ganze wiederholt sich noch zwei Mal, bis er von der Straße auf den Gehsteig tritt.
„Habe die Ehre, Lois! Auch auf'm Weg, heute?“
Mühselig dreht er sich zur Seite.
„Ah, der Walter!“, sagt er und hebt die Hand zum Gruße.
„Ja, ja, weißt eh, wie’s ist.“
„Schön heute. Aber kalt!“, meint Walter und geht, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, an ihm vorbei. Sein vorgebeugter Oberkörper scheint ihm dabei vorauszueilen.
„Ja, kalt!“, ruft er ihm hinterher und fasst mit der rechten Hand das Eisengeländer.
‚Der Walter. Der rennt dem nächsten Infarkt davon,‘ denkt er, lacht kaum hörbar auf und müht sich die drei Stufen zum Friedhof hinauf. Ein ungeplanter Abstecher, gegen den, außer den ungemütlichen Temperaturen, nichts einzuwenden war. Auch wenn der Kies das Gehen noch mühsamer macht, knirscht er doch wunderbar unter seinen Sandalen. Ein Geräusch, das er schon als Kind sehr gemocht hatte.
Einige der Gräber kennt er gut. Das ist so, in einem Dorf. Man kennt die Menschen, die sterben, und auch jene, die zurückbleiben. Mal besser, mal schlechter, aber niemals überhaupt nicht.
Bei einem der Gräber bleibt er stehen. Josef Buchner steht dort in weißer Schrift auf dunklem Granit. 1941–1962. Bilder von zwei Buben in kurzen Hosen und mit zerschundenen Knien blitzen in seiner Erinnerung auf und stehlen ihm ein versonnenes Lächeln.
„Seppl“, grüßt er mit erhobenem Zeigefinger das Grab und geht weiter.
Er verlässt den Friedhof über den anderen Ausgang, dreht sich entschlossen nach links und müht sich weiter die Hauptstraße des Dorfes entlang. Es ist einiges los. Frauen befördern ihre Einkäufe auf Fahrrädern, Straßenarbeiter mühen sich mit der Verlegung eines dicken, gelben Kabels ab und junge Mütter schieben mit verquollenen Augen Kinderwägen vor sich her. Er grüßt hier und dort überschwänglich, sein Gruß wird stets erwidert.
Je weiter er sich vom Zentrum des Dorfes entfernt, desto weitläufiger sind die Häuser angesiedelt. Schritt für Schritt gewinnt er an Zuversicht. Nicht mehr lange, dann wäre er zuhause.
Er lässt Querstraßen und Gassen hinter sich, bis er zu jenem Namensschild kommt, das am silbrigen Lärchenholz eines Stadels befestigt ist; Fassergasse steht darauf. Jetzt biegt er ein.
‚Nicht mehr weit, nicht mehr weit‘, ermutigt er sich selbst. Er friert und seine Knie brennen vor Schmerz.
Von weitem leuchten die Blüten des Kirschbaums durch die enge Gasse, als wollten sie ihm den Weg weisen.
Wie schön sie blüht, die alte Kirsche.
Darunter der Brunnen; ein länglicher Steintrog, in dem sich das glasklare Wasser der Bergquelle sammelt.
Sein Gesicht erhellt sich.
An heißen Sommertagen waren sie in den Trog gestiegen und hatten das kühlende Kribbeln, das sich augenblicklich unter der Haut ausbreitete, genossen.
Der Baum, dieser Kirschbaum, war stets das Erste, das er sah, in der Früh, wenn er aufwachte, auf der anderen Seite der Gasse, seinem Kammerfenster direkt gegenüber. Wie vertraut ihm dieser Baum über die Jahre geworden ist; jeden Ast kennt er, jede Kerbe; ja, er meint sogar, jede Blüte.
Im Winter, wenn es in seiner Kammer so kalt war, dass er sich mit Socken, Pullover und Schlafmütze unter den Decken verkriechen musste, erahnte er die Umrisse der Kirsche durch die Eisblumen an den Fensterscheiben hindurch. Die Äste schneebeladen, wenn es die Nacht hindurch geschneit hatte, harrte sie dort aus, standhaft und verlässlich wie ein treuer Freund, der ihm Mut zuspricht.
Im Sommer ließen sie ihn alle Strapazen der dunklen Jahreszeit vergessen. Dicht behangen mit pausbäckigen, süßen Früchten, dunkelrot, ja beinahe schwarz, lockte sie zu waghalsigen Klettereien.
Am meisten aber liebt er den Baum im Frühling, wenn er, dem Herrn zur Freude in voller Blütenpracht, seinen süßen Duft verströmend, die warme Jahreszeit einläutet.
Längst stand er am Brunnentrog und zog, so tief er konnte, den Geruch des Frühlings ein.
Als er sich an seinem Kirschbaum sattgefreut hatte und ihm die Kälte nach und nach bis in die Knochen gekrochen war, beschloss er, ins Haus zu gehen.
Er quert die Straße.
Die Haustür, vor der er dann steht, kennt er nicht.
Er tritt einen Schritt zurück und blickt am Gebäude hoch. Er kennt auch dieses Haus zu dieser Haustür nicht.
Sein Kopf dreht sich zum Kirschbaum und wieder zurück zum Haus. Das sind sein Baum, sein Brunnen, sein Blick aus dem Kammerfenster. Und trotzdem ist das weder die Tür, die er sucht, noch das Haus, das er kennt.
Sein Herzschlag wird schneller. Die großen, schwieligen Hände beginnen zu zittern.
„Otate!“ ruft eine helle, junge Stimme. Ein Bub tritt in die Pedale, so fest, so schnell, dass seine blonden Locken im Wind fliegen. Das Rad endlich gegen den Brunnentrog geschmissen, rennt der Bub auf ihn zu und nimmt seine Hand.
„Ich hab ihn! Ich hab ihn!“, ruft er dem Mädchen entgegen, das die Straße herunter gelaufen kommt.
„Otate, wo willst denn hin? Wir suchen dich alle!“, sagt der Bub währenddessen, und lässt seine Hand nicht mehr los.
Außer Atem erreicht das Mädchen die beiden und nimmt die andere Hand des Alten.
„Wir suchen dich schon alle“, sagt auch sie.
Er dagegen weiß nicht recht, was er machen soll. Wer sucht ihn? Und warum?
Im nächsten Moment biegt ein Auto in die Gasse. Auch das hält bei ihnen an. Eine junge Frau steigt aus.
„Tate, wo willst du denn hin?“, fragt sie sanft. Sie klingt erleichtert.
„Ja Heim! Wo sollt‘ ich denn hin wollen?“, stößt der verärgert hervor. Er kann sich nicht erklären, was daran so schwer zu verstehen war.
Inzwischen friert er so sehr, dass er ein Zittern nicht weiter unterdrücken kann. Hinzu kommt all die Aufregung.
Die junge Frau führt ihn zum Auto, hilft ihm, einzusteigen, und gibt Acht, dass er sich dabei nicht den Kopf stößt.
„Genau dorthin fahren wir jetzt auch“, sagt sie. „Hier wohnst du schon lange nicht mehr.“
Nach wenigen Minuten hält das Auto in einer Gasse. Dort, wo er, wie sie ihm sagen, schon lange lebt.
Mit Hilfe der Frau steigt er aus dem Auto.
Das hier sei sein Haus, sagen sie. Er habe es selbst gebaut.
Sie stützt ihn beim Gehen und führt ihn zu dem Gartentürchen, das den gesamten Holzzaun in Schräglage bringt, wenn man es öffnet. In der Einfahrt steht ein roter Traktor; ein Fendt.
‚So einen hätte ich auch immer gerne gehabt‘, denkt er.
Die Baumstämme waren schon fast alle abgeladen.
* Die Kirschblüte steht in Japan für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. Damit verbunden Mono no aware „das Herzzerreißende der Dinge“, ein Gefühl von Traurigkeit, das der Vergänglichkeit der Dinge nachhängt und sich doch damit abfindet.