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Triggerwarnung: Dieser Text enthält Szenen verbaler und körperlicher Gewalt.

 

 

Anna

 

Von ihrem Schreibtisch aus könnte sie den Garten des Wohnblocks bis zur Straße hinüber überblicken. Sie könnte. Macht es aber nicht. Eigentlich schaut sie kaum raus, hält die Jalousien sogar meist geschlossen, auch bei schönem Wetter. Das Fenster selbst öffnet sie nur, wenn Freedom rein oder raus will. Eine Streunerin, die gerade schnurrend auf ihrem Schoß liegt. Dreifarbig. Eine Glückskatze also. Diese Bezeichnung kommt daher, weil es anscheinend selten ist, dass eine Katze Gene für drei Farben in sich trägt, sagt die Suchmaschine. Außerdem sind beinahe alle Glückskatzen weiblich, da sich die Fellfarbe über das X-Chromosom weitervererbt; Kater haben bekanntlich nur eines davon, und dieses ist meist mit einer einzigen Farbe besetzt. Das alles weiß Anna über Freedom, aber nicht, ob sie jemandem gehört und eigentlich einen ganz anderen Namen hat. Sie kommt ab und zu vorbei, bleibt, solange sie möchte, bevor sie irgendwann wieder hinausspringt und verschwindet. Echte Freiheit eben.

       Anna sitzt vornübergebeugt am Schreibtisch. Ihre dicken, roten Haare, die sich kaum bändigen lassen, hängen wie ein Vorhang um ihr Gesicht, sperren die Außenwelt aus und lassen sie selbst dahinter verschwinden. Sie sind so lang, dass die Enden auf das Fell der Katze fallen, wo sie sich kräuseln und sich mit den orangen Flecken vermischen. Es lässt sich kaum noch sagen, wo Anna aufhört und Freedom anfängt; so, als fließe sie in die Katze hinein und verschmelze mit ihr. Das gefällt Anna. Ihre Hand streicht über das weiche Fell. Freedoms weiße Flecken sind ihre blasse Haut, die schwarzen ihre Seele. Sie ist Freedom.

       Der Lichteinfall am Fenster ist gut, von vorne, sodass sie sich beim Zeichnen keine Schatten wirft. Sie rückt ihre Brille zurecht und arbeitet weiter an ihrem Entwurf. An den Wänden hängen einige ihrer Bilder: Manga-Figuren mit Katzenohren und ebensolchen Schwänzen, alle weiblich und mit roten, weißen oder schwarzen Haaren. Aus der obersten Lade holt Anna eine schwarze Box: hundert und acht Stück Brush-Pens, nach Farben sortiert. Der Organizer lässt sich auseinander ziehen, so, dass schließlich eine dreigliedrige Schlange am Tisch liegt, welche die Stifte in drei Reihen zur Auswahl anbietet. Ein teurer Spaß, auf den sie lange hat sparen müssen.

       Gezielt zupft Anna verschiedene Orangetöne heraus und beginnt, die Haare der Figur zu kolorieren. Geschickt hantiert sie mit den Stiften, verwendet hier und dort Wasser und Pinsel, um die Farbe stellenweise auszudünnen. Sie hat Übung darin, das lässt sich schnell erkennen; auch, dass sie ganz dem Bild gehört, wenn sie malt.

       Was sie trotzdem immer deutlicher spürt, ist der Druck ihrer Blase. Sie wetzt auf dem Sessel hin und her und versucht lange, den Harndrang zu ignorieren. Nur noch die Augenmaske, denkt sie, und zieht den Pinselstrich an den Enden nach oben. Ihre Blase zeigt sich von dieser Hingabe wenig beeindruckt und meldet sich immer vehementer. Es hilft nichts. Sie muss auf die Toilette.

       Stift und Pinsel zur Seite gelegt bleibt sie noch einen Augenblick mucksmäuschenstill sitzen, um auf Geräusche in der Wohnung zu horchen.

       Theresa gehört das Zimmer nebenan, sie ist aber nicht da. Mit ihren achtzehn Jahren kommt und geht sie wann sie will und ist nur wenig zu Hause, was wiederum zu Problemen in der Schule führt.

       Bernadette dürfte sich, genau wie sie, in ihrem Zimmer verschanzt haben. Ihre enge Kammer mit dem schmalen Lichtschacht weit oben in der Wand hat einen Durchgang zum Elternschlafzimmer und war wohl ursprünglich als begehbarer Kleiderschrank gedacht. Bernadette war vierzehn, zwei Jahre jünger als Anna.

       Anna lauscht noch immer. Alles, was sie hören kann, sind Stimmen aus dem Fernseher und vereinzeltes Geklapper aus der Küche. Ihre Mutter wird aufräumen oder Arnold etwas zu essen machen, der, wie immer, wenn er zuhause ist, vor der Glotze sitzt. Sie kann es also wagen. Sie muss. Es ist dringend.

       Behutsam öffnet sie ihre Zimmertür, schlüpft hindurch, tapst auf Zehenspitzen zur Toilette und versperrt, ebenso geräuschlos, die Tür des winzigen Raumes hinter sich. Sie setzt sich aufs Klo und lässt laufen. Was für eine Erleichterung. Dann, aus dem Nichts, scheppert Geschirr und zerbersten Teller. Anna erstarrt.

       „Jeden Tag derselbe Mist! Du denkst, du kannst mir das vorsetzen? Das soll ich fressen?“, donnert Arnolds Stimme durch die dünnen Wände der Wohnung.

       Sie hält die Luft an. Dann ist das klatschenden Geräusch von Haut auf Haut zu hören. Hat er sie geschlagen?

       „Ihr lebt alle von meinem Geld! Du, mitsamt deinem Gfraster. Ist da ein anständiges Essen vielleicht zu viel verlangt?!“

       Anna sitzt in der Falle. Sie wagt keine Bewegung, nicht die kleinste. Wenn er so in Rage ist, gilt es, ihm aus dem Weg zu gehen;  unter allen Umständen. Am besten wäre, man wäre überhaupt nicht da, einfach nicht vorhanden, nicht existent. Könnte sie sich nur auflösen, in ihre Moleküle zerfallen, zu Staub werden.

       Sie denkt nach. Irgendwie muss sie zurück in ihr Zimmer, und das besser gleich, solange sein Geschrei verraten würde, wo er sich aufhält.

       Hastig wischt sie sich trocken und schließt den WC-Deckel. Zu spülen wagt sie nicht. Dann dreht sie in Zeitlupe am Knauf der Toilettentür und spürt, wie der Riegel zurück in den Schlosskasten gleitet. Behutsam drückt sie die Türklinke nach unten und zieht sachte an der Tür, bis sie sich einen winzigen Spalt öffnet, durch welchen sie in die Diele spähen kann. Die Luft scheint rein zu sein, es ist niemand zu sehen. Arnold mault weiter vor sich hin, von ihrer Mutter hingegen hört sie keinen Laut. Sie erweitert den Spalt gerade so viel, dass sie hindurchschlüpfen kann, und schließt die Tür hinter sich ebenso leise, wie sie sie geöffnet hatte. Auch das muss sein. Arnold kann es nicht ausstehen, wenn die Klotür offensteht.  Dann schnell, ohne noch einmal umzublicken, zurück in ihr Zimmer, die Türe schließen, durchatmen. Geschafft. Ihr Herz schlägt heftig wie ein wildes Tier, das aus seinem Käfig möchte. Alles ist gut, versucht sie sich zu beruhigen. Er hat sie nicht bemerkt. Jetzt gilt es, sich still zu verhalten, um ihn nicht an ihre Anwesenheit zu erinnern. Bernadette würde dasselbe tun, da war sie sich sicher. Wahrscheinlich liegt sie unter ihrem Bett und spielt Tiefseetaucher.  

       Anna setzt sich zurück an ihren Schreibtisch, nimmt die Stifte in die Hand und starrt auf das Blatt, das vor ihr liegt. Mit aller Macht verdrängt sie den Gedanken, dass die Tür aufgehen und Arnold ins Zimmer kommen könnte.

       Je mehr die Auseinandersetzung in der Küche anschwillt, desto kleiner wird Anna auf ihrem Sessel. Sie schrumpft geradezu in sich hinein. Freedom springt, vom Krach aufgeschreckt, auf die Fensterbank.

       „Willst wohl raus, was? Kann ich gut verstehen.“, sagt sie und öffnete das Fenster. Mit einem Satz ist die Katze geflohen und hat all das Geschrei und all die Wut in der Wohnung hinter sich gelassen. Freedom, denkt Anna.

       Sie selbst kann nicht weg. Wenn sie Arnold und seinen Jähzorn auch fürchtet, das da draußen ängstigt sie noch mehr. Menschen. Gleichaltrige, jüngere, ältere. Busfahrer, Spaziergänger, Pärchen; Einkäufer, Banksitzer, Vogelfütterer. Sie alle könnten denken wie dumm sie sei, wie dünn, wie dick, welch hässliche Haare oder scheußliche Brille oder furchtbare Kleidung sie trage. Menschen, die etwas von ihr wollen, oder erwarten, die sie ansehen oder sogar ansprechen könnten.

       Anna blickt noch immer Freedom hinterher, als die Zimmertür aufgerissen wird. Mit wenigen Schritten ist Arnold bei ihr.

       „Was machst du da? Stehst den ganzen Tag am Fenster und glotzt blöd raus, was? Oder malst diesen Stumpfsinn!“ Er greift nach der Zeichnung auf dem Schreibtisch. Anna schreit auf, will sie ihm entreißen, aber er hält sie in die Höhe, ihre Hand reicht nicht heran.

       Ein Fehler! Sie ahnt im selben Moment, dass sie nicht hätte reagieren dürfen. Jetzt weiß er, wieviel ihr die Zeichnung bedeutet. Er sieht sie aus seinen kleinen, dunklen, vor Zorn funkelnden Augen an. Sein Mund verzieht sich zu einem hässlichen Grinsen. Langsam bewegen sich seine Finger und zerknüllen genüsslich das Blatt Papier. Er kostet jede Sekunde aus. Dann fasst er in Annas dickes Haar und zerrt sie daran aus ihrem Zimmer.

       „Hilf gefälligst deiner Mutter diese Sauerei aufzuräumen!“, stößt er hervor und schleudert sie auf den Küchenboden.

       Anna gibt keinen Laut von sich.

       Dann tritt er zu. Einmal, und noch einmal. Sie bekommt kaum noch Luft, rollt sich zusammen und schützt sich gegen Tritte und Schläge so gut sie kann. Sie ist Freedom, sie ist frei. Sie läuft draußen auf dem weichen Gras über Wiesen und Felder. Er kann ihr nichts anhaben. Sie ist Freedom.

       Schließlich lässt Arnold von ihr ab.

       „Wenn ich zurückkomme, ist alles picobello. Und ein anständiges Essen steht auch auf dem Tisch!“

       Durch die Schlitze ihrer zusammengekniffenen Augen sieht sie, wie ihre Mutter neben ihr Essensreste einsammelt. Sie blutet aus der Nase. Erst als die Tür ins Schloss fällt, wagt Anna, sich zu bewegen.

       Bernadette kommt aus ihrem Zimmer.

       „Alles ok?“

       Anna nickt. Dann spricht niemand mehr ein Wort. Jeder weiß, was zu tun ist. Bernadette holt Handbesen und Kehrschaufel, Anna lässt heißes Wasser in den Eimer. Gemeinsam beseitigen sie die Unordnung, kehren und wischen. Ihre Mutter steht am Herd und beginnt von neuem zu Kochen.

       Schon nach kurzer Zeit sieht man Wohnzimmer und Küche den Zwischenfall nicht mehr an. Bernadette wäscht den Salat und schneidet Karotten klein. Anna geht wieder in ihr Zimmer. Hier gab es nichts mehr zu tun. Sie kann ihrer Mutter nicht weiter helfen; sie hilft ihnen allen ja auch nicht.

       Die nächsten Stunden versprechen Sicherheit. Arnold würde nicht so schnell zurückkommen; das tut er nie.

       Anna klappt ihr Notebook auf und stülpt sich die großen, gepolsterten Kopfhörer über die Ohren. Mit wenigen Klicks hat sie sich in das Onlinespiel eingeklinkt und beginnt, mit den Anwesenden zu sprechen. Ihr Englisch ist fehlerfrei, die Aussprache die, eines Native Speakers. Sie spricht laut und deutlich, moderiert ohne Unsicherheiten und leitet die Gruppe bis weit in die Nacht hinein an.

       Erst als sie die Kopfhörer abnimmt, kriecht die Angst zurück in ihre Glieder.

       Sie legt sich ins Bett, doch findet sie keinen Schlaf. Ihr Körper schmerzt überall dort, wo Arnold sie getreten hat. Sie schließt die Augen. Ich bin Freedom, wiederholt sie ihr Mantra und stellt sich vor, wie sie durch die Nacht streunt, alleine, nur für sich selbst existierend.      Langsam beruhigt sich ihre Atmung und lässt sie in die samtene Dunkelheit des Unbewussten gleiten. Bevor sie der Schlaf aber vollständig in die beruhigende Gleichgültigkeit seiner Welt entführen kann, holt sie eine bekannte Abfolge aus Geräuschen zurück ins Zimmer: Die Wohnungstür ist aufgesperrt, geöffnet und wieder verschlossen worden. Arnold ist nach Hause gekommen.

       Sie hört, wie er seine Jacke an den Haken hängt und ächzend seine Schuhe auszieht.    Dann drückt er lautlos die Klinke ihrer Zimmertür nach unten und tritt in den Raum.

       Ich bin Freedom. Ich laufe draußen über weiches Gras und bin nicht hier. Ich bin überhaupt nicht hier.  Sie fühlt das Brennen zwischen ihren Beinen. Dann nichts mehr.

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