top of page

 

Triggerwarnung: Dieser Text beschäftigt sich mit Drogen, Sucht und Konsum!

 

 

Tainted Love*

Tilman schwang die Beine über die Bettkante, spürte die Kälte des Fußbodens unter seinen nackten Füßen und stand auf. Er wartete nicht, bis der Wecker klingelte. Die letzten Tage war er stets vor dem Alarm erwacht. Das gefiel ihm.

     Auf dem Weg zur Toilette befüllte er den Wasserkocher und schaltete ihn ein.

     Die Teetasse wartete in der Spüle auf ihren Einsatz; nur sie hatte das ideale Fassungsvermögen für einen Beutel Schwarztee: etwas mehr als Durchschnitt, aber noch kein halber Liter.

     Für die Ziehzeit drehte Tilman die Eieruhr auf exakt drei Minuten. Nur so konnte die rechte Balance von möglichst viel freigesetztem Koffein bei gleichzeitig geringem Anteil an Tanninen erreicht werden.

     Währenddessen bestrich er die beiden Scheiben Toastbrot, die er am Vorabend zum Auftauen auf den Rost des Backrohrs gelegt hatte. Margarine und Marillenmarmelade, die feinpürierte, ohne Stückchen. Beim Signal der Eieruhr hob er den Beutel aus der Tasse und setzte sich mit dem Frühstück an den quadratischen Holztisch in der kleinen Nische zwischen Küche und Wohnzimmer.

     Auf dem Tisch lag ein Kuvert. Ein Brief von seiner Mutter, der darauf wartete, geöffnet zu werden. Tilman hatte sich den Brief fürs Frühstück aufgehoben, damit noch genügend Zeit bis zur Nachtruhe blieb, nachdem er ihn gelesen hatte. So würde er die Information, die er barg (seine Mutter schrieb ihm für gewöhnlich keine Briefe), tagsüber verarbeiten können, um diesen wichtigen Pfeiler seiner Willenskraft, den Schlaf, nicht zu beeinträchtigen oder zu schwächen.

     Nach den ersten Bissen Brot und den ersten Schlucken Tee öffnete Tilman das Kuvert.

     Mit Bedacht zog er ein zusammengefaltetes Blatt der Regionalzeitung daraus hervor.

     Die eine Seite teilten sich zwei Werbeschaltungen, die andere ein paar Todesanzeigen. Erst als er die Namen der Verstorbenen las, erkannte Tilman den Grund der Sendung.

Karl-Heinz Pucker

15.01.1967 – 06.07.2021

der uns plötzlich und unerwartet

viel zu früh verlassen musste

für immer in unseren Herzen

deine Gordana

deine Tochter Julia mit Moritz

     Tilman starrte auf das Foto neben dem Text. Hätte er ihn erkannt, auf der Straße, wenn er ihm begegnet wäre?

     Er steckte den Zeitungsteil zurück ins Kuvert.

     Den letzten Bissen kauend trug er das Frühstücksgeschirr in die Küche, schwänzte Tasse und Teller mit heißem Wasser ab und stellte alles für den nächsten Morgen in die Spüle. Dann schlüpfte er in seine Jacke mit der Aufschrift „Rentokil-Schädlingsbekämpfung“ und verließ das Haus. Er hinkte seiner Tagesroutine bereits zwei Minuten hinterher.

     Den Kleintransporter hatte ihm die Firma zur Verfügung gestellt. Dienstwagen sozusagen. Nach mittlerweile zwanzig Dienstjahren, angefangen hatte er als Laufbursche im Lager, Kübel und Kanister schleppen, hatte er sich den auch redlich verdient. Trotzdem war er Herrn Kobler dankbar. Wer sonst hätte ihn genommen, damals, gerade clean und ohne jede Berufspraxis?

     Heute bekommt er Aufträge erteilt, die er selbständig durchführt, wird besagter Kleintransporter zur Verfügung gestellt und erhält ein Gehalt, mit dem er sein Leben bestreiten kann. Was will man mehr.

     Wie es Kalle wohl ergangen war?

     'Karl-Heinz Pucker', wiederholt er seinen Namen in Gedanken.

     Er schien Familie gehabt zu haben, Frau und Tochter; "Für immer in unseren Herzen" hat dort gestanden.

     Also musste er auch Arbeit gehabt haben. Einen Job. Anders wären Frau und Kind kaum machbar gewesen. 

     Wie bei ihm.

     Bei ihm war's zu spät, einerseits. Andererseits hätte er eine derart unberechenbare Komponente wie eine Partnerin in seinem Leben ohnehin nicht gebrauchen können.

     Auf dem Foto wirkte er jedenfalls gut situiert, der Kalle. Polohemd, rundes Gesicht. Er sah glücklich aus. So, als hätte er die Vergangenheit hinter sich gelassen; so weit, dass sie beinahe gar nicht mehr vorhanden war.

     Tilman checkte seinen heutigen Einsatz. Schaben. In einer Großküche. Er gab die Adresse in das Navigationsgerät ein.

     ‚Na so was‘, dachte er, als ihm die Route angezeigt wurde. ‚Gerade heute in diese Gegend?‘

     Er startete den Wagen und rollte hinaus auf die Straße.

     ‚Also gut.‘

     Die unverkennbare Stimme von Gordon Matthew Thomas Summer – Sting – tönte aus dem Autoradio:

Giant steps are what you take

Walking on the moon

I hope my leg don't break

Walking on the moon

     Tilman war noch immer ein Musiknarr. Das einzige Vergnügen, das er sich nach wie vor gönnte, zuhause, an den Wochenenden, wenn die Tage ohnehin einem anderen Rhythmus folgten.

     Da legte er Sonntagnachmittag schon mal eine CD aus seiner überschaubaren Sammlung ein.

     Musik war das eine, die Geschichten dahinter das andere. Ein Beispiel aus Tilmans Gedankengut: Die Verszeile the day, the music died, aus dem Song American Pie, bezieht sich auf einen Flugzeugabsturz, bei dem gleich drei Musiker ums Leben kamen: Buddy Holly, Ritchie Valens und The Big Bopper.

     Wie viele Menschen sind sich dessen bewusst?

     Das eigentlich Verblüffende, nach Tilman, seien aber die Umstände, wie es zu dieser Tragödie gekommen war, da zwei der drei Toten nur durch Zufall im Unglücksflugzeug saßen: The Big Bopper war erkrankt und hatte deshalb Waylon Jennings um seinen Platz gebeten. Ritchie Valens, der noch nie geflogen war, hatte kurzerhand mit Tommy Allsup um dessen Ticket gefeilscht, mit dem Ergebnis, dass sie schlussendlich eine Münze um den Sitzplatz geworfen hatten. Valens gewann das Battle und verlor sein Leben.

     Da denke noch einer, es gebe kein Schicksal!

     Tilman wusste: Zufälle existieren nicht! Umso unruhiger wurde er bei dem Gedanken, dass er ausgerechnet heute, nachdem er erfahren hatte, dass Kalle gestorben war, in die Gegend musste, in der sie aufgewachsen waren.

     Tilman lenkte den Kleintransporter nach Angaben der navigierenden Stimme durch die Stadt. Nach und nach begann ihm die Umgebung bekannt vorzukommen. Es fühlte sich an wie eine Schlinge, die sich beständig enger zog.

     Zuerst hatte er nur eine vage Ahnungen, dann erkannte er ganze Straßenabschnitte wieder, bis sein Blick an einer bronzenen Figur hängenblieb, die den Eingang zum Park markierte.

     Er wusste nicht, wer dort in Bronze gegossen stand, aber er kannte den Steinsockel. Sie hatten dort gesessen, nachts, den Rücken dagegen gelehnt, Viola, Kalle, Daggi und er.

     Für Viola und Daggi war es der erste Schuss.

     Zuvor hatten sich er und Viola geliebt, unten, bei der Brücke im Park.

     Jahre später hatte man sie ebendort gefunden. Tot. Goldener. Sie war noch keine Dreißig.

     "Ihr Ziel befindet sich auf der rechten Seite", ließ ihn die Stimme aus dem Navi wissen. Tilman fuhr rechts ran und stellte den Wagen ab. SOMA stand in grünen Lettern auf dem Gebäude. Die Küche des Sozialmarktes also. Hatte es den damals schon gegeben? Er konnte sich nicht erinnern. Vieles verschwommen aus jener Zeit und nur in Bruchstücken vorhanden.

     Das Einzige, das ihm bis heute deutlich in Erinnerung geblieben war, war das Gefühl, das ihm die Shore gegeben hatte. Warm, samtig weich, geborgen, wie in den Armen einer Mutter. Sowas konnte man nicht vergessen.

     Tilman schloss die Augen. Er musste sich hüten, auf diese Weise daran zu denken. Und keine Namen aus der Szene, haben sie gesagt; nichts Vertrautes. Immer Fachbegriffe verwenden!

     Diacetylmorphin hieß das Zeug, das er sich in die Venen jagte. Was es ihm bescherte, war vor allem der völlige Kontrollverlust über sein Leben, drogeninduzierte Psychosen über Tage hinweg, immer höhere Highs und immer tiefere Lows. Unmenschliche Schmerzen und unzählige Atemstillstände.

     Heroin, namentlich eine Halbgöttin, in Wahrheit aber eine alles kontrollierende, eifersüchtige Alleinherrscherin, die dich in die Schranken weist, versuchst du, ihr zu entkommen.

     Nach dem Entzug ist vor dem Entzug; auch noch nach Jahren.

     Tilman stellte den Motor ab, holte, was er brauchte, aus dem Wagen und schritt zur Glastür der sozialen Herberge. Die hagere Gestalt, die in sich zusammengesunken an einem der Tische saß und den Dampf beobachtete, der aus ihrerTasse stieg, zeigte bei seinem Eintreten in den Raum keine Regung.

     „Ist der Chef da?“, fragte Tilman mit kräftiger Stimme in die Stille hinein.

     Der Teetrinker reagierte noch immer nicht. Tilman wollte eben verbal nachlegen, als die Flügeltüre aufschwang.

     „Die Chefin“, antwortete eine Frauenstimme. Sie hätte hübsch sein können, hätte sie sich darum bemüht, dachte Tilman.

     „Dorn. Schädlingsbekämpfung“, stellte er sich vor.

     „Zorn?“

     „Dorn! Rentokil-Schädlingsbekämpfung.“

     „Ah ja. Schön, dass Sie es geschafft haben. Dann kommen Sie mal mit“, sagte sie und ging durch die Flügeltür zurück in die Küche. Tilman folgte ihr.

     „Schaben?“, fragte er überflüssigerweise. Er kannte die Meldung und seinen Auftrag.

     Es waren ihre Augen.

     „Eine wahre Invasion. Hat ein wenig gedauert, bis wir es gemerkt haben. Nachts ist für gewöhnlich niemand hier.“

     ‚Grün, wie die von Viola‘, dachte Tilman.

     „Um elf brauch ich die Küche, ab zwölf ist Essensausgabe. Schaffen Sie das?“

     Tilman nickt. So lange wird sein Feldzug nicht dauern. Er hat ein listiges Mittel gegen dieses Ungeziefer und noch jede Schlacht gewonnen.

     Bevor er zur Tat schritt, inspizierte er aufmerksam jedes Eck, jede Nische, jeden Unterbau der Küche. Die Stellen, an denen kleine Portionen des Ködergels anzubringen sind, wollen besonnen ausgewählt sein. Im besten Fall sind sie Mensch und Tier – mit Ausnahme der Schaben – unzugänglich.

     Für das Ungeziefer selbst ist das Gel ein wahrer Leckerbissen, dem es nicht widerstehen kann. Das Beste aber, die Krönung dieses geplanten Mordes, ist die Tatsache, dass die Schaben, unwissend vollgefressen mit dem tödlichen Gift, trojanischen Pferden gleich zurück in ihre Nester krabbeln, wo sie bald verenden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, hat sich der Erfinder dieser Genialität nicht nur eine grausame Eigenheit der Schaben, den Kannibalismus, zu eigen gemacht, sondern auch noch gegen sie selbst gerichtet! Vertilgen die achtbeinigen Gesellen ihren verendeten Genossen, vergiften sie sich dabei und löschen sich somit eigenständig aus.

     Welch wunderbare List in Vollendung.

     Derart in seiner Arbeit aufgehend,  werkelte Tilman vor sich hin. Bald hatte er geeignete Stellen für das Gel ausfindig gemacht und es sorgfältig angebracht. Das Schicksal konnte seinen Lauf nehmen.

     Er räumte eben den letzten Kram in die Tasche, als die Chefin, die verborgene Schöne mit den smaragdenen Augen, durch die Flügeltür trat.

     „Ist dem Gräuel ein Ende gesetzt?“

     „Soweit alles erledigt. Sollte sich keine mehr blicken lassen.“ Tilman wich ihrem Blick aus.

     „Vielen Dank“, sagte sie lächelnd.

     Tilman nickte.

     „Sie können gern zum Essen bleiben. Ist genug für alle da."

     Er schlug das Angebot aus. Das konnte er eben nicht. Auf keinen Fall. Das hätte ihm gerade noch gefehlt. Unberechenbar, unkontrollierbar.

     Entschlossen und mit seiner Arbeit zufrieden verließ er das Gebäude. Es war kurz nach elf. Bis zu seiner Mittagspause war noch Zeit. Er überprüfte das Telefon. Es war kein neuer Auftrag eingegangen.

     Viola war bezaubernd, wenn sie drauf war.

     Der Gedanke erschreckte ihn, aber es stimmte. Sie alle waren bezaubernd, wenn sie drauf waren. Da war die Welt in Ordnung. Das Zeug hilft zwar nicht, Probleme zu vergessen, aber dabei, sie zu ertragen.

     Was für ein unglaublich schönes Gefühl, wenn das Verlangen – beinahe schon Schmerz – nachlässt, weil gestillt, nachgegeben, ausgekostet.

     Für jemanden, der dies nie erfahren hat, unmöglich, begreifbar zu machen. Im eigentlichsten Sinne des Wortes unbeschreiblich. An nachher denkt niemand. Als ließe sich durch Ignoranz das Übel abwenden.

     Er hatte noch gut sechzig Minuten. Wenn er schon mal in der Gegend war, was konnte es schaden? Er wollte nicht bei Mutter klingeln, nicht mit ihr sprechen. Aber er könnte vielleicht das Haus sehen, einen kleinen Abstecher in seine Kindheit machen. Kalle zu Ehren. Punkt zwölf wäre er dann wieder in der Firma und in seinem Zeitplan, alles wie gewohnt, alles in geregelten Bahnen.

     Der Kleintransporter rollte bereits die Straße entlang. Bald sah er die schlichte Kirche der evangelischen Gemeinde, nebenan das Sportzentrum und die Schule, in der er viele Jahre seines Lebens verbracht hatte.

     Bilder blitzten in seinem Gedächtnis auf. Er roch den Schweiß der Umkleidekabinen und das Parfüm der Oberstufenschülerinnen.

     Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Tilman fühlte alles auf einmal. Er war wehmütig, zornig ob der Zeit, die vergangen war, der Kinder, die sie gewesen waren, der Chancen, die sie vielleicht gehabt hätten.

     Kalle hatte sie nützen können. Aber er? Oder Viola? Das Letzte, das er von Daggi wusste, war, dass sie einen Fünfziger fürs Blasen nahm.

     Tilman fuhr hinter das Schulgelände, er wollte den Wagen wenden. Das hier tat ihm nicht gut. Kein Nutzen, an die Vergangenheit zu denken. Überhaupt keiner.

Sometimes I feel I've got to

Run away, I've got to

Get away from the pain you drive into the heart of me

 

     Zufälle existieren nicht. Dieses Lied, gerade jetzt, ausgerechnet hier. 

     Tilman schloss die Augen. Es war zu spät. Neuronen und Synapsen agierten bereits, feuerten Transmitter an. Der erste Dominostein war gefallen.

The love we share

Seems to go nowhere

And I've lost my light

For I toss and turn, I can't sleep at night

 

     Er fühlte die Welle heranrollen, das Kribbeln unter der Kopfhaut, die Kälte, die sich bis in die äußersten Spitzen seiner Gliedmaßen ausbreitete. Das Verlangen, dieses unbändige Verlangen nach dem Einzigen, das es stillen konnte.

     Wie damals. Genau wie damals.

     Tilman versuchte, dem Drang standzuhalten. Schon oft war es gelungen. Die Welle surfen, bis sie abflacht, sich verflüchtigt. Ihr ins Auge zu sehen, um eben nicht von ihr mitgerissen zu werden. Auf ner Skala von eins bis zehn? Elf!

 

Once I ran to you

Now I'll run from you

This tainted love you've given

I give you all a boy could give you

Take my tears, and that's not nearly all

Tainted love

 

     Sein Herz raste. Als er die Augen wieder öffnete, fiel sein Blick auf zwei Gestalten bei den Müllcontainern. Dort hatten sie Stoff vertickt, damals. Dann erkannte er: Da geht tatsächlich was über die Bühne! Die beiden konnten kaum älter als fünfzehn sein.

     Verdammt.

     Zufälle existieren nicht!

     Tilmann stieg aus dem Auto und stürmte auf die beiden zu. Der Überraschungseffekt spielte ihm in die Hände, einen konnte er erwischen. Er packte den Jungen am Kragen, drückte ihn an die Wand. Der andere türmte.

     „Raus damit. Was schiebst du!“, brüllte ihn Tilman an.

     „Nichts, gar nichts, Mann. Was ist dein Problem!“

     Tilman hielt sich nicht mit dem Durchsuchen von Hosen- und Jackentaschen auf. So dämlich würden sie kaum sein. Stattdessen griff er unter das Hosenrohr in den Sockenbund und zog ein kleines Plastikbriefchen hervor.

     „Gar nichts also!“ Er drückte ein wenig fester zu. „Verschwinde! Und besser, du lässt den Scheiß hier!“

     Der Junge stürmte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

     Tilman ging zurück zum Auto. Das Säckchen wog schwer in seiner Hand.

Don't touch me, please

 

     Er fühlte die wenigen Kügelchen, in oranges Plastik geschweißt.

 

I cannot stand the way you tease

 

     Den Inhalt kannte er nur zu gut.

I love you though you hurt me so

 

     Was sollte er jetzt damit machen, nun, da Zufälle nicht existierten?

 

Now I'm gonna pack my things and go

Tainted love

​* Lyrics originally by Ed Cobb

bottom of page